//

Weniger Abschriften: Kleine und clevere Kniffe

Kolbrücks Kracher

Das hässlichste Wort im Lebensmittelhandel? Abschriften. Dagegen lässt sich was tun. Zuweilen mit unkonventionellen Kniffen. Hier sind ein paar Ideen.

Jeden Tag werden im Handel Lebensmittel weggeworfen – das ist Vergeudung und kostet Geld. Doch wer bei Abschriften verlässlich nur mit Nachkommastellen rechnen will, verkauft am besten nur noch Bohnen aus der Dose mit langem MHD oder er muss sich einige Kniffe überlegen.

Wer weniger wegwerfen will, wer die Lehre der einstigen Quelle-Gründern Grete Schickedanz verinnerlicht hat, der findet im Instrumentenkasten einige Lösungen. Manche sind so verbreitet wie geschnitten Brot. Andere sind ein kleines Kunststück.

Was geht?

1. Das ist der Klassiker: Preise von Produkten reduzieren, bevor sie das Mindesthaltbarkeitsdatum erreichen. Damit reduziert man die Menge der abzuschreibenden Artikel. Das geht leichter, wenn man bereits auf elektronische Regaletiketten setzt. Sie machen dynamische Preisveränderung möglich. Der Frischwaren-Absatz kann so besser gesteuert, Abschriften können minimiert werden.

Planungstools und Bauchgefühl

Dabei kommt es allerdings auf ein Zauberwort an. Das lautet „rechtzeitig“. Wer zu spät reduziert, den bestraft der Kunde.
Der Pfennig ist die Seele der Milliarde.
Grete Schickedanz

2. Aber die Abschriften kann man schon vorher reduzieren. Nämlich mit einer bewussten und bedarfsgerechten Dispo.
Besser planen: Da hilft 1. Erfahrung, 2. Bauchgefühl und 3. auch moderne Technologie. Bei der Edeka-Kaufmannsfamilie Stenger in  Aschaffenburg steht beispielsweise ein Fresh-Cut-Schrank von SanLucar. Hier kommt allerdings Technik zum Einsatz: RFID-Chips ermöglichen automatische Disposition unter Berücksichtigung des Wetters, dazu taggenaue Messungen, welche Produkte wann gekauft werden. Das senkt vor allem die Abschriften.
Die Obst- und Gemüseabteilung der Edeka-Kaufmannsfamilie Stenger in Aschaffenburg.
Die Obst- und Gemüseabteilung der Edeka-Kaufmannsfamilie Stenger in Aschaffenburg.
Alexander Heimann
3. Mut zur Lücke: Das beste Planungstool im Warenwirtschaftssystem hilft natürlich wenig, wenn man nicht auch bereit ist, Lücken zu riskieren.
Liefermengen so reduzieren, dass am Abend das Regal leer ist und der Kunde missmutig guckt, verlangt Mut. Oder gesunden Menschenverstand.
Denn Hand auf Herz. Wie viele Kunden würden Bio-Sellerie vermissen?
Man kann das zudem positiv sehen: Limitierung schafft Begehrlichkeiten.
Mut zur Lücke: Wie viele Kunden würden Bio-Sellerie vermissen?
Obendrein muss man nicht jede Seltsamkeit, die selbst Experten googlen müssen, anbieten. Hier ist die (immer noch) revolutionäre Idee: Artikel, die keiner (oder nur einer) kauft, einfach nicht bestellen und stattdessen auf Nachfrage besorgen.
Stellschraube Mitarbeiter

Die Warenpflege durch die Mitarbeiter ist ein zentraler Hebel gegen zu hohe Abschriften.

  • Schulen Sie Ihre Mitarbeiter, um sie für die Relevanz des Themas Abschriften zu sensibilisieren.
  • Geben Sie den Mitarbeitern die nötigen Planungstools an die Hand.
  • Besprechen Sie Abschriften monatlich mit ihren Sortimentsverantwortlichen und analysieren Sie Veränderungen.
  • Sorgen Sie für mehr Kommunikation untereinander.


4. Vielleicht traut man sich ohnehin mal mehr Lücken im Aufbau und im Regal zu. Es muss im Markt ja nicht überall aussehen wie im Designstudio. Schnell verderbliches Obst und Gemüse also nur vereinzelt „ausstellen“ und den Rest im Kühlhaus lagern.
Der Vorteil: Die Abteilung wird öfter kontrolliert – Kunde bleiben gegenüber Eintagsfliegen in der Überzahl. Ich weiß. „In der Zentrale liest das jetzt wieder keiner“, denken Sie.
Seien Sie sicher: Doch.
Aber wie man mit Bezirksleitern umgeht, die eine “Alles-muss-raus-Ideologie“ verfolgen, klären wir dann in einem anderen Beitrag.

5. Die Basics kennen Sie und ihre Mitarbeiter: Die Fleischwurst, die zum Fleischsalat wird, das vornehm lädierte Obst, das im Obstsalat landet. Smoothie und Chutney sind andere Möglichkeiten.

6.  Aber trauen Sie sich auch, mehr als unschön aussehendes Obst und Gemüse aus der Verpackung zu nehmen und den Rest dann einzeln zu verkaufen? Natürlich: Denn auch der Kunde findet das super. Lose Ware schmeckt schließlich besser als abgepackt.

7. Besser noch: Sie machen daraus eine Art Micro-Event. Wie man die Single-Banane umwirbt, könnte für solche kleinen Werbe-Ereignisse Anregungen liefern. Eine Idee: Blumenkohl in Vierteln speziell für Singles anbieten.
8. Die wichtigste Stellschraube jedoch sind die eigenen Mitarbeiter, die die Wahrnehmung für Abschriften mitbringen müssen. Genauigkeit geht dabei vor Schnelligkeit - gerade bei der Lieferung und der Frischekontrolle.
Strategien gegen Verschwendung
Kooperation mit den örtlichen Tafeln, Foodsharing oder Weitergabe an andere soziale Einrichtungen.

"Last-Minute-Boxen" mit Produkten mit Restlaufzeit, die mit großzügigem Rabatt angeboten werden.

Kunden daran erinnern, dass Lebensmittel oft auch nach dem Ablauf des MHD noch genießbar sind.
Für manche Abschriften, an dieser Stelle schnell ein freundliches „Hallo“ in die Zentralen, kann der Markt nämlich nichts.

Das alles macht natürlich Mühe, kostet Zeit.
Ganz entspannte Kaufleute entziehen sich daher dem Diktat der Komma-Kalkulation und definieren Abschriften schlicht als Werbe-Euro für glückliche Kunden.
Sie sagen sich: „Das Geld, das ich auf der Fläche verprasse, kann ich später von der Laderampe mit einem LKW voller Geld aufs Konto bringen.“

Kolbrücks Kracher gibt es exklusiv jeden Donnerstag auf LZdirekt.de.
stats