Kolbrücks Kracher: Nach Idar-Oberstein: Mehr ...
Kolbrücks Kracher

Nach Idar-Oberstein: Mehr Wegducker oder mehr Türsteher?

picture alliance/KEYSTONE | ALEXANDRA WEY
Ein Mann vom Sicherheitsdienst steht am Eingang der Migros am Limmatplatz in Zürich.
Ein Mann vom Sicherheitsdienst steht am Eingang der Migros am Limmatplatz in Zürich.

Zwei Wochen sind seit dem Tankstellenmord in Idar-Oberstein vergangen. Falls nun Ruhe eingekehrt sein sollte, wäre das jetzt eine gute Gelegenheit für Panik.

Wir erinnern uns: Nach einem Streit um Maskenpflicht soll Mario N. den Kassierer der Tankstelle, Alexander W. (20), erschossen haben.

Seitdem ist mancherorts einiges anders. An Tankstellen, aber auch in Supermärkten, herrscht zuweilen die Devise: Nur keinen Stress.

Mitarbeiter werden angewiesen, keine Diskussionen mit Maskenverweigerern anzufangen.
Weggucken, wegducken, abkassieren.

Trittbrettfahrer und Nachahmer

Die Angst vor Auseinandersetzungen, vor Gewalt, vor Mordversuchen enthemmter Leerdenker ist ja nicht unbegründet. Die Trittbrettfahrer sind unterwegs. In einer Regionalbahn pöbelte dieser Tage eine Maskenverweigerin: "Sie wissen ja, was in Idar-Oberstein passiert ist. Sie gehören ebenfalls abgeknallt."
Kein Einzelfall.
Die Polizei ist seit Idar-Oberstein immerhin sensibilisiert und machte gerade bei einem Kunden, der einer Kassiererin an einer Supermarkt-Kasse im Streit um die Maske mit Erschießung drohte, schnell mal eine Hausdurchsuchung.

Ein wenig möchte man ja schon verzweifelt die Arme hochwerfen und ausrufen: Wie konnte es so weit kommen? Wo soll das noch hinführen?

Doch darf deshalb der POS zum rechtsfreien Raum werden? Nun, das wäre vermutlich ein Grund, in Panik zu geraten.

Aber legen Sie ihr Pfefferspray für einen Moment ruhig noch einmal aus der Hand. Hier ist ein Antwortversuch – samt Beispielen aus der immer dramatischeren Gegenwart.

Fakt ist: Die Gewaltbereitschaft gegenüber Mitarbeiter im Handel hat in den vergangenen Jahren immer weiter zugenommen. In den USA und Großbritannien ist die Lage inzwischen so dramatisch, dass man sich mehr denn je Gedanken um den Schutz der Mitarbeiter macht – und Lösungen findet.

Die Handelskette Co-op führt beispielsweise soeben in Großbritannien in über 50 Filialen Körperkameras für die Mitarbeiter ein. In den USA und in Großbritannien sind solche Bodycams inzwischen schwer im Trend.
So will man Drohungen und Gewalttaten verhindern oder zumindest besser nachverfolgen.

Mit gutem Grund:  Jüngste Zahlen des britischen Einzelhändlers zeigen, dass in diesem Jahr bisher über 10.000 Vorfälle gemeldet wurden, darunter 72 tätliche Angriffe, 879 Fälle von Beschimpfungen und Drohungen, 272 Berichte über antisoziales Verhalten und 159 direkte Vorfälle im Zusammenhang mit Covid-19. Insgesamt ein Plus von 31 Prozent.

Mehr Abschreckung

Abschreckung mithilfe von Kameras könnte da helfen, glaubt man. Denn schließlich sollen sich die Mitarbeiter nicht selbst noch in Gefahr bringen. Der Selbstschutz sollte zu recht an erster Stelle stehen.

Vielleicht aber braucht es daher bald vor jedem Supermarkt einen Türsteher. Security, die sich (nicht nur wie heute zuweilen schon in Problembezirken) um die Sicherheit von Mitarbeitern – und Kunden – sorgt und schnell eingreifen kann - bis die Polizei eintrifft.

Einen Wachmann an den Tomaten und neben der Pizza - ist das nicht ein wenig übertrieben?

Was uns bevorsteht, kann man in den USA erleben, wo inzwischen in manchen Läden sogar Teebeutel diebstahlsicher im Regal stehen.

Denn beispielsweise in Kalifornien plündern Ladendiebe seit einiger Zeit im großen Stil - für alle gut sichtbar und unbeheligt - Drogeriemärkte und Supermärkte. Ladendiebstahl gilt dort nicht mehr als Straftat, sondern als Ordnungswidrigkeit, wenn die Beute weniger als 950 Dollar wert ist.

Hinzu kommt: Bei vielen Handelsketten in den USA dürfen sogar die eigens eingestellten Sicherheitskräfte nicht einschreiten. Nicht nur wegen der Fürsorge.

Die Händler haben Angst vor den in den USA häufig horrend hohen Schmerzensgeldzahlungen.
 
Wo das Motto gilt „Nur gucken, nicht handeln“ führt das dann zu abstrusen Szenen: Ladendiebe huschen in einen Kosmetikladen, kippen Ware ruckzuck aus dem Regal in Müllsäcke, und machen sich dann unbehelligt davon.

Zurück bleiben verdutzt (und verängstigt) guckende Kunden.

Wegsehen kann man am Ende dann nämlich doch nicht.

Kolbrücks Kracher gibts jeden Donnerstag auf LZdirekt.de.
stats