Sinnfluencer für Deutsches Brot: "Ich habe 35...
Sinnfluencer für Deutsches Brot

"Ich habe 350.000 Follower auf TikTok"

Eric-Kemnitz.com

Wissen Sie, was ein Sinnfluencer ist? Nein? Wir haben es vor dem Interview mit Deutschlands bekanntestem Bäcker auch nicht gewusst. Brotprofi und TikTok-Influencer Ricardo Fischer ist Bäckermeister und Brotsommelier in Leipzig. Hier spricht er über Backtrends, Brot aus dem Supermarkt und Influencen mit Sinnanspruch.

Herr Fischer, Ihre Beiträge auf TikTok haben fast 9 Millionen Likes. Wie wird man Deutschlands bekanntester TikTok-Bäcker?

Ich habe im September 2019 damit angefangen, in der Backstube meiner Bio-Bäckerei im Landkreis Leipzig mit dem Smartphone Videos zu drehen, zu schneiden und zu posten. Direkt auf dem Smartphone, um den zeitlichen Aufwand niedrig zu halten. Es hat mir sofort viel Spaß gemacht.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Aus Neugier habe ich mir im Spätsommer 2019 TikTok heruntergeladen und angeschaut. Was mir angeboten wurde – Tanzvideos und oberflächliche Videos – hat mir überhaupt nicht gefallen. Also hab’ ich die App gleich wieder gelöscht. Dann wurde ich doch wieder neugierig und hab’ gezielt nach den Hashtags #Lebensmittel und #Food gesucht. Und dabei nur einen Food Creator aus den USA gefunden. Mir war schnell klar: Hier gibt es eine Riesen-Lücke, die ich gerne füllen wollte.

Ich trage mit meinen Videos dazu bei, dass junge Menschen das natürliche Backen entdecken. Und dass der Beruf des Bäckers wieder beliebter wird.
Ricardo Fischer


Wie viele Videos drehen Sie?

Jeden Tag mindestens eins, manchmal sogar drei Videos am Tag.

Wollen Sie mit dem Social-Media-Backen Geld verdienen?

Nein. Ich will die Wertschätzung für Brot und für das Bäckerhandwerk steigern und Menschen fürs Backen begeistern.

Was ist Ihr bisher erfolgreichstes Video?

Das ist die Anleitung für „das einfachste Brot der Welt“.

Und wie backe ich das?

2 Tassen Weizenmehl T550, 1/4 Teelöffel Trockenhefe, 1 Teelöffel Salz, 1 Tasse Wasser grob vermischen und abgedeckt bei Raumtemperatur 12 bis 16 Stunden stehen lassen. Aus der Schüssel kippen und von allen vier Seiten einmal zur Mitte falten. Auf ein mit Grieß bestreutes Tuch setzen und 30 Minuten gehen lassen. Inzwischen den Backofen auf 250°C vorheizen. Den Teigling vom Tuch nehmen, auf ein Backblech setzen und für rund 40 Minuten im Backofen goldbraun backen.

Was läuft am besten in Ihrer Bäckerei in Leipzig?

Das ist das Bio-Champagnerroggenvollkornbrot. Die alte Roggensorte für dieses Brot wird von regionalen Bio-Landwirten für uns angebaut. Regionalität ist mir sehr wichtig. Das Kilobrot im Kasten kostet 7 Euro. Und unsere Dinkel Diva, ein saftiges Bio-Dinkelvollkornbrot. Es hält lange frisch. Der 750-Gramm-Kasten kostet 6,90 Euro.

Was sind aktuell die wichtigsten Backtrends?

Dinkel hat ein extrem positives Image bekommen. Viele Menschen mit Weizenunverträglichkeit kaufen nun Dinkel-Backwaren. Wir haben im Sortiment viele Backwaren mit 100 Prozent Dinkel, für uns ist das kein Problem. Ein weiterer Trend ist Sauerteig. Wir haben uns damit etabliert am Markt, dadurch ist auch unser Bekanntheitsgrad gewachsen. Ein dritter Trend ist vegan. Herzhafte vegane Brötchen oder Brote sind oft einfach zu machen. Statt Butter oder Schweineschmalz nimmt man Öl.

Wie beliebt sind internationale Backwaren?

Ein Trendbrot ist das „San Francisco Sourdough Bread“. Das ist ein Weizenbrot mit Sauerteig gelockert. Generell sind die Backwaren aus Kultbäcker Chad Robertsons „Tartine Bakery“ in San Francisco angesagt. Und Panini gehen gut: Ein italienischer Bäcker in unserem Team hat einen italienischen Weizensauerteig angesetzt.

Sie sind nicht nur Bäckermeister, sondern auch Brotsommelier. Würden Sie die Ausbildung empfehlen?

Für mich persönlich war sie eine Bereicherung. Man setzt auf sein Bäckerwissen noch einen drauf. Beschäftigt sich mit Fragen wie: Wie beschreibt man ein Brot? Was genau schmeckt man eigentlich? Wie ist Brot entstanden, und wie hat es sich weiterentwickelt? Was sind optimale Kombinationen beim Bread-Pairing? Wir haben auch Projektarbeiten geschrieben zu Themen wie geräuchtertes Brot oder salzfreies Brot mit Dörrobst. Ich habe über Social Media und meine Kanäle als @Brotprofi geschrieben.

Wenn Sie sich zwischen einer Karriere als Influencer oder Bäcker entscheiden müssten. Was würden Sie wählen?

Ich liebe meinen Beruf als Bäcker, ich liebe das Backen. Ich habe es nicht darauf abgesehen, Influencer zu werden. Ich bezeichne mich allerdings als Sinnfluencer.

Was ist ein Sinnfluencer?

Ich bin ein #OfficialCreator für #LernenMitTikTok. Im Jahr 2020 habe ich mich für dieses Programm beworben. Es gab nur 100 Plätze, ich habe es trotzdem geschafft. Ich trage mit meinen Videos dazu bei, dass junge Menschen das natürliche Backen entdecken. Und dass der Beruf des Bäckers wieder beliebter wird und ein besseres Image bekommt.

Es ist eine Sackgasse, Lieferanten immer mehr im Preis zu drücken.
Ricardo Fischer

Wann haben Sie zum letzten Mal Brot aus dem Supermarkt gegessen?

Gekauft habe ich lange keines mehr. Bei der Brotsommelier-Ausbildung haben wir aber welches verkostet. Die Qualitäten gingen extrem auseinander. Generell finde ich die Entwicklung gut, dass Supermärkte auf Handwerksbäckereien zugehen und Brotspezialitäten von ihnen einkaufen. Im Bio-Handel gibt es diese Entwicklung schon seit Jahrzehnten – mit gegenseitiger Wertschätzung für die Arbeit des anderen. Es ist eine Sackgasse, Lieferanten immer mehr im Preis zu drücken und zu meinen, dass man alles immer billiger und noch billiger produzieren könnte. Es ist wichtig, nachhaltig zu denken, denn auch das ist ein Megatrend.

 

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